Exit-Strategien im IAM

Ich habe irgendwann angefangen, bei Bahnfahrten zuerst den Rückweg mitzudenken. 

Nicht, weil ich besonders pessimistisch wäre. Eher aus Erfahrung. Manche Verbindungen sehen auf dem Papier gut aus, bist du nach der CloudLand in Soltau auf dem Bahnsteig stehst und von der Bahn die Message kommt „Ihre Zugbindung wurde aufgehoben“. 

Bei IT-Systemen ist das ähnlich. Nur mit weniger Baustellen. Meistens. 

Im Identitätsmanagement wird viel über Einführung gesprochen. Auswahl, Proof of Concept, Migration, Go-live, Rollout. Das ist verständlich. Man will vorankommen. Das Projekt braucht ein Ziel. 

Über den Ausstieg spricht man seltener. 

Wie kommen wir wieder heraus?
Was passiert, wenn der Anbieter nicht mehr passt?
Wenn die Kosten anders laufen als geplant?
Wenn regulatorische Anforderungen steigen?
Wenn das Betriebsmodell nicht mehr zur Organisation passt? 

Das klingt erst einmal negativ. Fast so, als würde man dem eigenen Projekt misstrauen. 

Ich sehe das anders. 

Eine Exit-Strategie ist keine Absage an eine Plattform. Sie ist ein Zeichen dafür, dass man verstanden hat, wie zentral IAM ist. Identitätsplattformen verbinden sich mit sehr vielen Systemen. Anwendungen, Verzeichnisse, APIs, Rollenmodelle, Kundenportale, Admin-Prozesse. Nach ein paar Jahren ist das nicht mehr nur ein Produkt. Es ist ein Teil der Organisation. 

Und genau deshalb ist der Exit schwierig, wenn man ihn nie vorbereitet hat. 

Bei Keycloak ist die Ausgangslage oft günstiger, weil offene Standards und offene Software mehr Beweglichkeit ermöglichen. Aber auch hier gilt: Beweglichkeit entsteht nicht automatisch. Man muss sie erhalten. 

Durch Dokumentation.
Durch automatisierte Konfiguration.
Durch saubere Realm-Strukturen.
Durch Backup- und Restore-Konzepte.
Durch nachvollziehbare Integrationen.
Durch Menschen, die nicht erst im Ernstfall herausfinden, wie alles zusammenhängt. 

Im Grunde ist eine Exit-Strategie wie das Mise en Place beim Kochen. Du legst vorher bereit, was man später braucht. Nicht, weil du mit dem Messer zu langsam bist. Sondern weil du schon weißt, dass auch mal was anbrennen kann, wenn du vergessen hast, etwas vorzubereiten. 

Mein Eindruck ist: IAM-Entscheidungen werden besser, wenn der Ausstieg schon beim Einstieg mitgedacht wird. 

Nicht dramatisierend. Einfach nüchtern betrachtet. 

Kann später gewechselt werden?
Wenn ja: wie?
Wenn nein: warum akzeptieren wir das? 

Diese drei Fragen reichen manchmal schon, um deutlich ehrlicheren Entscheidungen zu kommen. 

 

IAM-Perspektiven von Robert Bauer | intension 

Robert Bauer ist Lead für Identity bei intension und beschäftigt sich mit Open Source IAM, Keycloak und digitaler Souveränität in modernen Unternehmensarchitekturen. 

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