Mandantentrennung ab Keycloak 26: Realms oder Organizations als Architekturentscheidung

Mit Keycloak 26 hat das Projekt einen wichtigen Schritt in Richtung strukturierter Mandantenmodelle gemacht: Organizations sind seitdem ein unterstütztes, produktives Feature und adressieren gezielt Business-to-Business- und CIAM-Szenarien innerhalb eines Realms. Gleichzeitig bleibt die klassische Mandantentrennung über separate Realms ein etabliertes und bewährtes Architekturprinzip.

Für Unternehmen stellt sich damit zunehmend die Frage: Wann ist eine Mandantentrennung auf Realm-Ebene sinnvoll – und wann eignet sich ein Organisations-basiertes Modell innerhalb eines Realms?

Dieser Artikel vergleicht beide Ansätze in Keycloak 26 und zeigt typische Use Cases, Vorteile, Grenzen und Entscheidungskriterien aus Unternehmenssicht.

Mandantentrennung in Keycloak – ein kurzer Überblick

Keycloak unterstützt keine Mandantenfähigkeit „per Switch“, sondern bietet verschiedene strukturelle Ebenen, um Identitäten logisch oder technisch zu trennen. In der Praxis kommen dabei insbesondere die folgenden beiden Strategien zum Einsatz:

  • Mandantentrennung über Realms → starke, technische Isolation
  • Mandantentrennung über Organizations innerhalb eines Realms → logische Trennung bei gemeinsamer Grundkonfiguration

Beide Ansätze lösen unterschiedliche Probleme – und sind nicht als Ersatz füreinander gedacht, sondern als komplementäre Ansätze.

Variante 1: Mandantentrennung über separate Realms

Konzept

Ein Realm ist in Keycloak eine vollständig isolierte Identitätsdomäne. Jeder Realm besitzt seine eigene Konfiguration, darunter:

  • Benutzer, Credentials und Föderationsquellen
  • Clients und Client Scopes
  • Rollen, Gruppen und Berechtigungen
  • Authentifizierungsflows
  • Token-Signing-Keys und Session Policies
  • Admin-Berechtigungen

Zwischen Realms gibt es keinen gemeinsamen Daten und Prozesse.

Typische Unternehmens-Use-Cases

Realm-basierte Mandantentrennung eignet sich insbesondere für:

1. Strikt getrennte Identitätsdomänen
  • interne Mitarbeitende vs. externe Kunden
  • Partner mit eigenständigen Security-Policies
  • unterschiedliche Compliance-Rahmen (z. B. KRITIS vs. CIAM)
2. Unterschiedliche Anwendungen oder Plattformen
  • getrennte App-Landschaften
  • verschiedene Token-Formate oder Claim-Modelle
3. Regulatorische oder organisatorische Isolation
  • Trennung nach Geschäftseinheiten
  • separate Betriebs- oder Haftungskontexte

Vorteile

  • Sehr hohe Isolation
  • Maximale Flexibilität pro Mandant
  • Saubere Trennung von Admin-Zuständigkeiten
  • Gut nachvollziehbar bei Security-Audits

Grenzen

  • Hoher Betriebs- und Pflegeaufwand bei vielen Realms
  • Konfigurations-Duplikation (Clients, Flows, Rollen)
  • Updates, Changes und Rollouts wirken sich nicht zentral aus
  • Skaliert organisatorisch schlecht bei vielen Mandanten

Variante 2: Mandantentrennung über Organizations innerhalb eines Realms

Konzept

Organizations stellen eine logische Mandantenstruktur innerhalb eines Realms dar. Sie sind speziell für B2B- und CIAM-Szenarien entwickelt worden und ermöglichen Multi-Tenancy ohne vollständige Isolation.

Organizations erlauben unter anderem:

  • Zuordnung von Benutzern zu Organisationen
  • Organisation-spezifische Identity Provider
  • Einladung und Onboarding von Organisationsmitgliedern
  • Identity-First-Login (z. B. per E-Mail-Domain)
  • Organisation-spezifische Claims im Token

Nicht erlaubt sind hingegen eigene Clients, Rollen, Themes oder komplett isolierte Admin-Konzepte pro Organization.

Typische Unternehmens-Use-Cases

Organizations sind besonders geeignet für:

1. B2B-SaaS-Plattformen
  • mehrere Kundenorganisationen
  • alle greifen auf dieselbe Anwendung zu
  • unterschiedliche SSO-Anbindungen pro Kunde
2. Partner- und Kundenzugänge
  • extern verwaltete Identitäten
  • automatisches Routing zur passenden IdP-Anmeldung
3. Zentral gesteuerte Plattformen
  • ein Security-Modell
  • ein Rollen- und Client-Set
  • klare Trennung auf fachlicher Ebene

Vorteile

  • Zentrale Administration eines Realms
  • Sehr gute Skalierbarkeit für viele Mandanten
  • Reduzierter Betriebs- und Wartungsaufwand
  • Konsistentes Login- und Token-Modell
  • Ideal für CIAM- und B2B-Szenarien

Grenzen

  • Keine vollständige Isolation
  • Gemeinsame Client- und Rollenstruktur
  • Eingeschränkte Delegation von Mandanten-Administration
  • Nicht geeignet für stark divergierende Security-Policies

 

Gegenüberstellung: Realms vs. Organizations

Kriterium Separate Realms Organizations
Isolation Sehr hoch Logisch, nicht technisch
Skalierbarkeit Begrenzt bei vielen Mandanten Sehr gut
Betriebsaufwand Mittel Niedrig
Gemeinsame Clients Nein Ja
Mandanten-spezifische IdPs Ja Ja
CIAM / B2B geeignet Eingeschränkt Sehr gut
Regulatorische Trennung Gut geeignet Nur bedingt

 

Entscheidungshilfe aus Unternehmenssicht

Separate Realms sind die richtige Wahl, wenn:

  • Mandanten strikt voneinander getrennt sein müssen
  • unterschiedliche Security-, Token- oder Compliance-Anforderungen existieren
  • Organisationen eigenständig administrieren sollen
  • technische Isolation Priorität hat

Organizations sind die bessere Wahl, wenn:

  • viele Mandanten mit ähnlichen Anforderungen existieren
  • eine zentrale Plattform betrieben wird
  • B2B-SSO und CIAM-Szenarien im Fokus stehen
  • Skalierbarkeit und Wartbarkeit entscheidend sind

In der Praxis ist auch eine Kombination beider Ansätze gängig – etwa getrennte Realms für interne und externe Identitäten, mit Organizations innerhalb des externen Realms für Kundenmandanten.

 

Fazit

Mit Keycloak 26.6 stehen Unternehmen zwei ausgereifte, bewusst unterschiedlich ausgelegte Modelle zur Mandantentrennung zur Verfügung. Die Entscheidung zwischen Realms und Organizations sollte nicht ideologisch, sondern architektur- und use-case-getrieben erfolgen.

Während Realms maximale Isolation bieten, ermöglichen Organizations eine wirtschaftlich und organisatorisch skalierbare Mandantenfähigkeit – insbesondere für moderne SaaS- und CIAM-Plattformen.

Eine frühzeitige, saubere Architekturentscheidung zahlt sich dabei langfristig in Betrieb, Sicherheit und Weiterentwicklung aus.

Weitere interessante Beiträge

WordPress-Entwicklung von WordPress-Agentur aceArt.